Das war Cannes 2009: Buhrufe, Lachen und angeregte Diskussionen
67 Jahre musste Regisseur Michael Haneke warten, um den glücklichsten Moment seines Lebens zu genießen. Zumindest war dies Inhalt seiner Dankesrede, die er nach seiner Auszeichnung mit dem höchsten Filmpreis von Cannes hielt. Und nach solch einer Auszeichnung will jeder etwas von dem Kuchen abhaben und plötzlich ist Haneke in den Medien mal Deutscher, mal Österreicher. Auch Christoph Waltz, ausgezeichnet als bester Darsteller, will plötzlich jeder gern für sein Land beanspruchen. Zumindest Charlotte Gainsbourg wird wohl schlichtweg Französin bleiben. Ausgezeichnet als beste Darstellerin mit einem französischen Preis in einer französischen Stadt von einer französischen Jurypräsidentin kann man nur noch sagen: „Vive la France“. Aber mal ehrlich: eigentlich ist es doch egal, woher ein Film oder seine Künstler stammen – schlussendlich zählt nur, was sie in uns auslösen und wie sie uns begeistern. Und diese herausfordernde Aufgabe haben alle Preisträger großartig gemeistert, wie wir finden.
Nach diesem in den Medien geführten Staatsbürgerschaftsbashing wird es Zeit, sich die Sieger, die Aufreger und Verlierer von Cannes genauer anzusehen: Neben Charlotte Gainsbourg und Christoph Waltz als beste/r Darsteller/in wurde Brillante (es muss gesagt werden: ein genial brillianter Vorname) Mendoza für seinen Film „Kinatay“ als bester Regisseur ausgezeichnet. Den Preis der Jury konnten die Britin Andrea Arnold für „Fish Tank“ und ex-aequo Park Chan-Wook für „Thirst“ abstauben. Den Großen Preis der Jury bekam “Un Prophete” von Jacques Audiard, der im Vorfeld eigentlich als heißer Favorit gehandelt wurde (wir berichteten). Der beste Kurzfilm war “Arena” von Joao Salaviza. Mit dem Preis der ökonomischen Jury (den gibt es wirklich!) wurde Ken Loach für „Looking for Eric“ ausgezeichnet.
Besonders freut uns, dass die jungen Filmemacher Tizza Covi und Rainer Frimmel gleich mit ihrem Spielfilmdebut La Pivellina (wir berichteten) mit dem Prix Europa Cinémas Label ausgezeichnet wurden, den sie in der Kategorie Quinzaine des Réalisateurs verliehen bekamen.
Der Aufreger des diesjährigen Filmfestival war „Antichrist“ von Lars von Trier. „Eine Horrormär“, „soviel Blut wie noch nie“, „grenzwertig“ – das waren die Kritiken, die der dänische Regisseur – bekannt dafür, dass seine Filme den Zuseher niemals kalt lassen – einstecken musste. Buhrufe und Lachen gefolgt von angeregten Diskussionen war der Grundtenor während der Vorführung. Die Basis von Antichrist ist Religion und die Beziehung von Frauen und Männern. Gegenseitige Dominanz, psychische und physische Gewalt, Realitätsverlust, Machtmissbrauch, posttraumatische Belastungsstörungen, und Verlust – Themen, die das alltägliche Arbeitspensum eines Therapeuten ausmachen, verpackt Lars von Trier in eine zweistündige Horrorfahrt durch die geistigen Abgründe der Menschen.
Fazit: Blut, Horror, menschliche Abgründe, Faschismus – Cannes 2009 kann nicht als ein Jahr des Humors bezeichnet werden. Aber denoch können wir uns demnächst auf viele ausgezeichnete europäische Filme freuen. flimmit verabschiedet sich von Cannes mit einem lachenden und weinenden Auge. Weinend, weil es vorbei ist! Lachend, weil wir die beste Zeit in Cannes hatten und es geschafft haben, Tickets für Pedro Almodovars Film zu ergattern. Und weil wir wie verrückt neue Filme eingekauft haben, die ihr bald auf flimmit sehen könnt!
