Cineasten im Netz: Synchros & Fandubs
Harald Schmidt hat es getan. Maschek tut es regelmäßig. Und eine Menge (mehr oder weniger) anonymer Filmfans tut es – und wird damit unter Umständen sogar richtig berühmt. Die Rede ist von sogenannten „Fandubs“ oder zu deutsch „Synchros“ – also Fansynchronisationen von Filmen, Serien oder sonstigen TV-Schnipseln, die auf Youtube und anderen Plattformen hochgeladen, geteilt und tausendfach angesehen werden. Dabei geht es nicht nur darum die Figuren lippensynchron nachzusprechen, sondern im besten Fall dem Film eine komplett neue Handlung oder skurille Sichtweise zu geben.
Angefangen hat hierzulande – soweit die Legende – alles noch vor Zeiten von Youtube & Co. Ein paar Trekkies setzten sich damals vor den Fernseher und nahmen sich gemeinsam ein paar Episoden von „Star Trek – Next Generation“ vor. Die dabei entstandenen Filmchen stellten sie ins Internet zum Download bereit. Binnen kurzer Zeit erlangten diese in der Internetgemeinde einen wahren Kultstatus unter dem Namen „Sinnlos im Weltraum“. Was folgte, waren viele (oft schlechte) Nachahmer – bis auf einen: „Sinnlos in Mittelerde – Lord of the Weed“ konnte dank der damals gerade aufstrebenden Plattform Youtube sein Vorbild sogar noch an Bekanntheit (und genialer Hirnlosigkeit) übertreffen.
In den vergangenen Jahren bildete sich eine lebhafte Synchroszene im Netz. Die Ergebnisse sind freilich sehr unterschiedlich, was Qualität und Humor betrifft: nur ein Bruchteil ist wirklich sehenswert, und diese reichen vom politisch unkorrekten Fäkalhumor bis hin zu grundgenialen Parodien. Oder beides: Eine, die dank ihrer Fandubs auch über Youtubes Grenzen hinaus bekannt geworden ist, nennt sich „Coldmirror“ und kann unglaubliche 75.000 Abonnenten ihres Youtube-Accounts vorweisen. Ihre Berühmtheit verdankt die Kunstwissenschaftsstudentin aus Bremen ihren Harry Potter Synchros „Harry Potter und ein Stein“, „Harry Potter und der geheime Pornokeller“ sowie „Harry Potter und der Plastikpokal“ (letzterer noch nicht abgeschlossen). In je zehn Episoden á 8 Minuten pro Film gibt Coldmirror dem Zauberlehrling und seiner Umwelt ein komplett neues Gesicht: Der Schulleiter von Hogwarts ist ein Hiphop-Star namens Fresh D., Harry kann gar nicht zaubern, Professor Snape ist Bassist einer Death Metal Band und Mad-Eye Moody unterrichtet Hauswirtschaftslehre. Wie gesagt: unheimlich lustig, aber nichts für schwache bzw. wohlerzogene Gemüter…
Wenig begeistert von den meist nicht jugendfreien Parodien ihrer Filme zeigen sich die Filmstudios und haben schon oft aus urheberrechtlichen Gründen Fandubs von Youtube löschen lassen bzw. veranlasst, dass Fandubber-Accounts gesperrt werden. Allerdings vergeblich, denn die Fandubber haben oft eine riesige Fangemeinde hinter sich, die ihrerseits deren Videos hochladen und verbreiten. Dass Fansynchros nicht ganz legal sind, ist den meisten Dubbern bewusst, jedoch beharren sie auf das Prinzip des „Fair Use“ und verstehen ihre Synchros nicht als Deformation eines Films, sondern viel mehr als eine Art der Verehrung.
Im besten Falle springen sogar die Medien auf den populären Synchro-Zug auf, wie im Fall von Dominik „Dodokay“ Kuhn. Dodokay, der beruflich in der Werbebranche unterwegs ist und daher im Gegensatz zu den meisten seiner Synchro-Kollegen auf professionelles Studioequipment zurückgreifen kann, spricht seine Synchros meist auf Schwäbisch ein. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Bruce Willis kauft Star Wars Merchandise bei eBay, Barack Obama beschwert sich über schmutzige Hausflure und 24-Star Kiefer Sutherland ist „Jürgen Bauer“, ein notorischer WG-Bewohner. Auf Dodokays schwäbische Fandubs wurden nicht nur tausende begeisterte Synchrofans, sondern auch der öffentlich-rechtliche Sender SWR aufmerksam – mit dem Ergebnis, dass Dominik Kuhn nun jeden Freitag im Fernsehen deutschen Politikern das Wort im Mund verdreht.
Aber nicht nur im Schwabenlande, sondern auch in Österreich gibt es einige erfolgreiche und sehenswerte Fandubs. Bundesheergeplagte werden sich über eine wienerische Version von Full Metal Jacket amüsieren – und auch die österreichische „Übersetzung“ einiger Szenen aus „Herr der Ringe“ ist durchaus sehenswert, wenn auch leider technisch nicht perfekt umgesetzt.
Wer jetzt Lust bekommen hat eine eigene Synchro zu machen, der kann sich Coldmirrors „Making of“ Video ansehen – oder einfach selbst ausprobieren. Übung, Humor und Kreativität macht schließlich den Meister bzw. den Youtube-Synchro-Star!
