Autor: OJ |  Kategorien: Festivals, Kinotipps

Locarno 2009: “Unter Bauern” – 8.000 Menschen schweigen

Wenn die Vorlage für einen Film von realen Menschen kommt, noch dazu von Menschen wie Marga Spiegel, dann können auch die abgebrütesten Leute die Tränen nicht mehr zurückhalten. Marga Spiegel ist mittlerweile 97 Jahre alt und ist Jüdin. Man muss kein Mathegenie sein, um sich auszurechnen, dass sie damit die grausamen Nazijahre durchleben musste. Der Film „Unter Bauern“ mit Veronica Ferres als Marga feierte gestern auf der Piazza Grande in Locarno seine Weltpremiere. Und 8.000 Zuschauer verstummten. Wenn nach dem Abspann das Publikum still bleibt und es zu einer merkwürdig betroffenen Eigendynamik kommt, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie sehr dieser Film alle Zuseher getroffen hat.

1943: Hitler ist auf dem Höhepunkt seiner Macht, aber von Aufmärschen unter Naziflaggen oder imposanten Inszenierungen der Landung der Alliierten in der Normandie ist hier nichts zu sehen. Das Münsterland ist eben nicht Berlin. Dennoch hätten Marga und ihr Mann Menne keine Chance den Krieg zu überleben, gäbe es nicht die Bauern. Über zwei Jahre riskieren sie ihr eigenes Leben, um Marga, ihren Mann und ihre Tochter zu verstecken. Die Bilder, mit denen Regisseur Ludi Boeken die Handlung unterlegt, spiegeln die Mentalität der westfälischen Bauern wider. Da wird kein großes Aufheben um die neuen Gäste gemacht; sie sitzen mit am großen Tisch, und haben auch auf dem Feld zu arbeiten. Ganz allmählich freundet sich Marga mit Anni an, die ein BDM-Mädel ist und zunächst wenig von den Einquartierungsgästen hält. Dennoch meistert die bodenständige Marga die Zwangssituation wesentlich besser als ihr Mann Menne, dem Armin Rohde das Gesicht eines gutmütigen und gewieften Pferdehändlers gibt. Er fristet sein einsames Dasein auf irgendwelchen Speichern, darf sich nirgendwo zeigen, weil er sonst auffliegen würde, und sieht Frau und Kind allenfalls mal von Weitem. Er wird sonderlich, rasiert sich den Schädel kahl und schlägt sich hinter der winterlich beschlagenen kleinteiligen Fensterscheibe, die wie ein Gefängnis wirkt, verzweifelt die Hände blutig.

Berührend, aufrüttelnd und beklemmend ist dieser Film und zeigt, dass auch nach 65 Jahren eine Aufarbeitung des 2. Weltkriegs notwendig ist. Filmstart in Österreich ist am 8. August 09.

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