Autor: OJ |  Kategorien: flimmit Filmnews & Reviews

Adams Äpfel: Neonazi, Pfarrer und Apfelkuchen

Anders Thomas Jensen hat als Drehbuchautor und Regisseur wohl sichtlich Spaß daran, ein wenig Düsternis in das Image seiner Nation Dänemark zu mischen. Als friedlich und sauber gilt das nördliche Land. Eigenschaften, die mit den Jensens Filmen wohl nichts zu tun haben. „Adams Äpfel“ ist nach „Flickering Lights“, „Dänische Delikatessen“ und drei Kurzfilmen sein nächster Streich als Dirigent hinter der Klappe und nicht weniger derbe als seine Vorgänger. Dass Dänemark kein Fliegengewicht in der Filmwelt ist, haben schon die dänische Filmrevolution Dogma’95 und Regisseure wie Lars von Trier bewiesen. Welche Abgründe der Humor dort oben nehmen kann, das demonstriert kaum jemand besser als Jensen: nämlich so schwarz wie die Krähen in diesem Film! Und Dogmen werden ganz bestimmt nicht eingehalten. „Adams Äpfel“ lebt vom Unerwarteten, das oft ethische Grenzen sprengt. Mit Witz und Eleganz.

Adam ist ein Skinhead und knallharter Neo-Nazi ohne Skrupel – nun soll er einen Apfelkuchen backen.
Diese Aufgabe stellt ihm der Landpfarrer Ivan, der Straffällige in seiner abgeschotteten Gemeinde aufnimmt, um sie dort zu resozialisieren. Dass ihm das auch gelingt, steht für Ivan außer Frage, ist er doch fest überzeugt vom Guten im Menschen. In seiner Herde befinden sich neben dem Neuling Adam noch der Triebtäter Gunnar und der Tankstellenräuber Khalid.
Doch so reibungslos verläuft es dann doch nicht mit dem Kuchenbacken. Nicht nur dem Skinhead passt das nicht in den Kram, auch eine höhere Instanz scheint etwas gegen Ivans Plan zu haben. Denn der Baum im Gemeindegarten, an dem Adams Äpfel für den Kuchen baumeln, wird plötzlich Schauplatz mysteriöser Geschehnisse. Ivan, dem im Leben schon unsagbar viel Schlechtes widerfahren ist, vermutet einmal mehr das Handwerk des Teufels dahinter. Adam ist anderer Meinung und sichtlich genervt von Ivans Naivität. Darum versucht er mit aller Kraft das Weltbild des Pastors zu erschüttern. Es entsteht ein Kampf zwischen Mensch und Magie, aber vor allem ein Kampf zwischen Adam und Ivan.

An der Seite von Filmemacher Jensen steht ein eingespieltes dänisches Ensemble. Für seine Filme besetzt er gerne immer wieder dieselben Schauspieler, so auch Mads Mikkelsen, der  als gutgläubiger Pastor Ivan glänzt. Mikkelsen hat mittlerweile auch in Hollywood Fuß gefasst. In „James Bond – Casino Royale“ hatte er die Rolle des Bösewichts. Eigentlich kann er sich aber in Dänemark wohlfühlen, denn die Charakterrollen werden ihm hier an den Leib geschrieben.
Überhaupt sind die Figuren in Jensens Filmen, so auch in „Adams Äpfel“, stark gezeichnet und alles andere als flach. Man kann als Zuseher nicht leicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Irgendwie schafft es der Neo-Nazi Adam beim Publikum Sympathie hervorzurufen. Auch der Sexualtäter und zwanghafte Dieb Gunnar und der schießwütige Khalid erscheinen auf ihre Art liebenswürdig. Der Gutmensch Ivan hingegen verbarrikadiert sich im Laufe der Zeit immer mehr hinter seinem krankhaften Optimismus und seiner Illusion einer heilen Welt, sodass man bald nicht mehr genau weiß, wer nun die Resozialisierung nötiger hat – die Straffälligen oder doch der Therapeut.

Es ist schwer dem Film einem Genre festzumachen. Auf jeden Fall geht er an die Nieren. Jensen lädt ein in eine emotionale Berg- und Talfahrt. Die Pointen zünden, manchmal wird es so schwarz, dass man wegen der einen oder anderen Lachen ein schlechtes Gewissen bekommen könnte.

Die Kirche wird zum Austragungsort psychischer als auch physischer Gewalt. Das Resultat des Kampfes sind am Ende nicht nur ein Dutzend erzürnter Skinheads und eine tote Katze, das steht fest. Der heilige Ort ist schon bald kein solcher mehr! Und trotzdem kann man nicht von Geschmacklosigkeit sprechen. Denn Jensen verschafft seinem Film nicht nur jede Menge skurrile Speerspitzen, sondern legt einen gelungenen Drahtseilakt zwischen pechschwarzer Komödie und ergreifendem Sozialdrama hin.
„Adams Äpfel“ ist für Filmfans abseits des Hollywood-Mainstreams Pflichtprogramm!

(Übrigens: Für „In China essen sie Hunde“, der ebenfalls auf flimmit erhältlich ist, hat Anders Thomas Jensen das Drehbuch geliefert!)

Jan

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