Autor: OJ |  Kategorien: Festivals

Goldener Löwe: Krieg und Klaustrophobie

Die Schlacht ist geschlagen, der Showdown vorüber, die Ruhe nach dem Sturm eingetroffen – und der Goldene Löwe hat seinen Heimweg angetreten. Dieses Jahr reist er mit Regisseur Samuel Maoz nach Israel. Überzeugt hat er mit dem Antikriegsepos „Lebanon“.

In bisher nie dagewesener Weise zeigt dieser Film den Libanon-Krieg durch die Augen der Soldaten. Ein israelischer Fallschirmspringer durchsucht eine feindliche Stadt und der Zuseher bekommt nur die Sicht, die auch die Soldaten haben. Er erlebt die Story in dem Panzer und hat somit die gleiche Einschränkung wie der Soldat. Auch außerhalb dieses klaustrophobischen Raums hält sich Maoz rein an die Sicht der Kämpfer und so erlebt der Zuschauer den Krieg oft nur durch das Objektiv eines Fernglases. Es ist kein Film über Politik oder Ursachen von Konflikten. Es geht um den emotionalen Zustand von jungen Männern, deren Leben sich durch die Ausnahmesituation, die ein Krieg immer ist, für immer verändert. „Ich wollte nicht, dass der Zuschauer diesen Film nur sieht und versteht, sondern fühlt“, so Maoz.

Dennoch darf nicht außer Acht gelassen, – trotz der guten Intention, dass der Zuschauer mit den Protagonisten eine emphatische Verbindung aufnehmen soll – dass der klassische Krieg selbst immer eine „militärische Kunst war und ist, samt eigener Bühne, eigener Musik und patriotischer Pflicht“ (Virilio). Seit Anbeginn der Geschichte hat es Kriege gegeben und ebenso lange wurden in Form von Bildern, Fotos, Videos die Greuel in einem kollektiven Gedächtnis festgehalten. „Alle schauen zu und hoffen auf Bilder aus einer einzigen Kamera die noch Zugang hat zu dem was geschieht. Kamera und Geschehen. Seit seiner Erfindung schien es eine Grundbestimmung des Films zu sein, Geschichten sichtbar zu machen. Er konnte die Vergangenheit abbilden und die Gegenwart in Szene setzen. Wir sahen Napoleon zu Pferde und Lenin im Zug. Der Film war möglich, weil es Geschichte gab. Unmerklich, wie beim Fortschreiten auf der Möbiusschleife, wurde die Seite gewechselt. Wir schauen zu und müssen denken: Wenn der Film möglich ist, ist auch die Geschichte möglich“. Diese Frage stellt sich der Filmemacher Harun Farocki, der sich seit vielen Jahren mit Kriegsdarstellungen auseinandersetzt.

Ein Film, der das Publikum schweigend zurücklässt, der zum Nachdenken anregen soll, und den Seher in die Gefühlswelt einführen soll, wie es ist, als junger Mensch mit einer Waffe in der Hand dem täglichen Tod ins Auge zu sehen. Und dennoch, es wird beim Verstehen bleiben, denn wer es nicht selbst erlebt hat, wird es niemals fühlen können.

Der Silberne Löwe für die beste Regie ging an die deutsch-französisch-österreichische Produktion “Woman without men” von Shirin Neshat. Fatih Akin konnte sich über den Spezialpreis der Jury für “Soul Kitchen” freuen und Colin Firth über seinen Preis für den besten Darsteller (“A single man”). Als beste Darstellerin wurde die russische Schauspielerin Xenia Rappoport (“La doppia ora”) ausgezeichnet.

Irene (flimmit-Redaktion)

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