Lars von Trier
Reise durch die menschlichen Abgründe
Wenn sich Lars von Trier am Genre Horrorfilm versucht, dann kann man nur Eines mit Sicherheit behaupten: Es ist nicht Jedermanns Geschmack. Denn der Horror, den uns Lars von Trier vor Augen führt, ist ein anderer, als wir zu sehen gewohnt sind. Die übernatürlichen Kräfte und Dämonen, die uns in “Antichrist” begegnen, sind keine Erscheinung der Außenwelt. Es sind Mechanismen, die im Inneren des Menschen entstehen können und darauf warten, frei gelassen zu werden.
Das psychische Trauma der Mutter, ausgelöst durch den Tod ihres Kindes, veranlasst den Vater – Psychotherapeut von Beruf – seine Kenntnisse anzuwenden. Der Ursprung ihrer Ängste und Schuldgefühle soll gefunden und die Trauerarbeit professionell vollzogen werden. So begeben wir uns mit dem Paar auf die Spuren des Alten Testaments und finden uns im Garten Eden wieder, in dem die Frau als Ursprung alles Bösen erwacht.
Psychoanalyse und Religion sind die zentralen Themen der Geschichte. Zwei Welten, die im Gegensatz zueinander stehen: Die städtische, analytische Welt, in welcher der Mann die Kontrolle hat, verändert sich schrittweise durch den Ausflug in die Natur, das mystisch Weibliche, in der die Frau an Kraft gewinnt. Die Klischees, mit denen Lars von Trier arbeitet, sind unübersehbar. Das Schockierende dabei ist, dass sie nicht durchbrochen werden, sondern eine Steigerung erfahren, die nicht mehr aufzuhalten ist. Die Psychose der Frau gewinnt die Überhand. Die Identifikation mit biblischen Frauengestalten werden von ihr so sehr verinnerlicht, sodass sie sich selbst nicht nur für die Ursache, die Schuldige, das eigentliche Böse hält, sondern auch zu diesem wird.
Wie so oft in Lars von Triers Filmen ist es die realistische Herangehensweise und Darstellung der Geschichte, die Angst und Schrecken verbreitet. Zugegebenermaßen: Lars von Trier muss sich nicht erst am Horrorfilm versuchen, um zu schockieren. Auch seine früheren Filme, wie „Dancer in the Dark“, haben Schock-Potenzial. Die Geschichte einer erblindenden Frau, die alles daran setzt, ihrem Sohn dasselbe Schicksal zu ersparen und schlussendlich sogar die Todesstrafe auf sich nimmt, erzeugt die Horrorvision einer Realität, die möglich ist, wir aber auf keinen Fall für wahr halten wollen.
„Dancer in the Dark“ ist Teil der GoldenHeart-Trilogie. Lars von Trier erzählt in drei Teilen unterschiedliche Geschichten, in deren Zentrum jeweils eine tragische Frauengestalt steht, die sich aus Liebe für andere aufopfert, egal welches Schicksal sie erleiden muss oder wie sie von anderen Menschen behandelt wird. „Breaking the Waves“ und „Idioten“ zählen ebenfalls zu dieser Trilogie, wobei „Idioten“ vor dem Hintergrund des Dogma 95 Manifests entstand. Einige Regisseure, darunter Lars von Trier selbst, wandten sich damit gegen die zunehmende Wirklichkeitsentfremdung des Kinos aufgrund technischer Effekte, Illusionen und dramaturgischer Vorhersehbarkeit. Dabei stellten sie Regeln auf, um den Realismus zu wahren. Es sollte ausschließlich an Originalschauplätzen nur mit Hilfe von Handkameras gedreht werden. Künstliche Beleuchtung sowie Spezialeffekte oder Filter waren verboten. Und die Handlung selbst sollte im Hier und Jetzt geschehen.
Vor diesem Hintergund ist es umso spannender, wenn man sich einige Jahre später seine USA-Trilogie vor Augen führt. Lars von Trier beweist mit „Dogville“ und „Manderlay“ seine künstlerische Vielseitigkeit, indem er sich ins Studio zurückzieht. Die Filme gleichen Theaterstücken mit Brecht’schem Verfremdungseffekt (durch stilistische Finessen wird bewußt eine kritische Distanz zu dem Gesehenen herstellen). Häuser und Plätze werden durch Zeichnungen auf dem Boden angedeutet. Dabei ist es stets dieselbe Protagonisten namens Grace, die von Stadt zu Stadt reist und versucht, die Welt zu verbessern, dabei aber jedes Mal an ihre Grenzen stößt und scheitert. Der dritte Teil, „Wasington“, ist noch in Arbeit. Aber wie das Trilogien so an sich haben: Hat man mal die ersten Zwei gesehen, darf auch der Dritte nicht fehlen.
Alexandra
