Autor: OJ |  Kategorien: Festivals

Viennale: Bazar der Geschlechter

Ich heirate diese Frau für eine Stunde…

„Wie Männer Frauen behandeln, das ist nichts als männliche Arroganz“, ereifert sich ein 23-jähriger Iraner im Gespräch mit dem Mullah. Und dessen Antwort eröffnet eigentlich erst die wahre Scheinheiligkeit, die rechtfertigt, dass die weibliche Unterdrückung rein religiös bedingt ist: „Zu wem hilfst du eigentlich? Zu den Frauen oder den Männern?“

Regisseurin Sudabeh Mortezai zeigt auf amüsante und ehrliche Weise in ihrem neuesten Dokumentarfilm “Bazar der Geschlechter” die Sicht von verschiedenen iranischen Menschen – vom Mullah bis zum Taxifahrer – über das Thema „temporary marriage“. Also Ehe auf Zeit. Männer wollen das unter allen Umständen erhalten und weiter ausbauen, denn auf diese Weise, so denken sie, kann die Prostitution verhindert werden (und auf diese steht immerhin das Urteil „steinigen“). Der Mann bezahlt also für einen gewissen Betrag und unterhält so die „Zeit-Frau“ für einen vorher abgemachten Zeitraum. Oft führt das zu Scheidungen, wenn die Hauptfrau das nicht akzeptieren will (nicht verwunderlich). „Dieses System ist hervorragend, aber es scheitert oft an der weiblichen Eifersucht“, zeigt sich ein Mullah verwundert über soviel weibliche Arroganz. Umgekehrt haben sich diese Männer wohl noch nie die Frage gestellt, ob sie es selbst akzeptieren würden, wenn die Frau mehrere Männer hätte.

Sudabeh Mortezai zeigt die vielen Schichten der Menschen. Der Mullah, der anfangs noch scheinbar relativ offen bzw. menschlich wirkte, kann gegen Ende durchschaut werden. Und ein Mann, der seinen Status ausnutzt, kommt hinter all dem süßlichen Getue hervor. „Temporary Marriage“ – das ist ein Thema, dass bisher noch nie in solcher Ausführlichkeit in unsere Kinos gekommen ist. Der heutige Iran ist geprägt von einer zerrissenen Gesellschaft, gekennzeichnet von Doppelmoral – wie eben die Muta’a „Die Ehe auf Zeit“ – deutlich macht. Diese schiitische Praxis, bei der ein Mann und eine Frau eine vor Gott und dem Gesetz anerkannte Ehe eingehen dürfen, die von einer Stunde bis 99 Jahre dauern kann, wird von der iranischen Regisseurin spannend hinterfragt. Zu recht bekam Sudabeh Mortezai einen lange andauernden Applaus für ihr Werk.

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