Review: Mitfahrer
Jede Begegnung ist eine Chance
Die Mitfahrzentrale ist eine Einrichtung, in der Fahrgemeinschaften gebildet werden, um Menschen von einem Ort zum anderen zu bringen. Nicolai Albrecht nutzt diese Einrichtung als Ausgangspunkt, um eine Geschichte zu erzählen, in der verschiedene Menschen mit verschiedenen Schicksalen für eine kurze Zeit aufeinander treffen. Die Wege von Fahrer und Mitfahrer, die einander fremd sind, sich noch nie zuvor gesehen haben, kreuzen sich gerade so lange, dass es ausreicht, Sympathie oder Ablehnung gegenüber dem Anderen aufzubauen.
In episodischen Erzählungen werden uns stereotype Charaktere vor Augen geführt: Der Teenager, zugleich Experte für Computerspiele jeglicher Art, die intellektuelle Studentin, die alleinstehende Mutter, die sich immer wieder die falschen Männer sucht, und ihre pubertierende Tochter, der Reisende, der gern wettet und so sein Geld verspielt, die von ihrer Beziehung gelangweilte und genervte Schauspielschülerin und ihr ahnungsloser Freund, der Asylwerber, der heiraten muss, um in Deutschland bleiben zu können, und schließlich der geschiedene Familienvater, der eine Vorliebe für junge Mädchen hat. Dabei erfahren wir einmal mehr und einmal weniger über das Leben der einzelnen Personen, die manchmal die Wahrheit sagen, oft lügen oder auch lieber mal schweigen. Menschen treffen aufeinander, lernen sich kennen und dann trennen sich ihre Wege. Man wird sich wohl nicht wiedersehen. Oder etwa doch? Einige hoffen es, andere sind froh, wenn es nicht so ist und bei manchen passiert es einfach. Eines ist jedoch sicher: Keine der Begegnungen geht spurlos an den Menschen vorüber. Man nimmt immer etwas davon mit: Einen Eindruck, ein Gefühl oder sogar eine Erkenntnis.
„Mitfahrer“ ist eine Kombination aus Roadmovie und Episodenfilm. Schauplatz ist die Autobahn in Deutschland und deren Raststationen, auf denen Menschen zurückgelassen werden oder sich entscheiden lieber dort zu bleiben, um auf andere zu warten, mit deren Hilfe sie ihren Weg fortsetzen können. Dazwischen liegen Episoden, die sich in den einzelnen Fahrzeugen abspielen. Hier auf engstem Raum ohne die Chance, sich einfach umzudrehen und wegzugehen, lernen sich die Menschen kennen. Und bei jeder Raststation treffen sie eine Entscheidung – für oder gegen ihre Mitfahrer. So entstehen neue Konstellationen. Und nur, weil manche nicht miteinander können, andere erleichtert sind, dass sich ihre Wege endlich wieder trennen, heißt es nicht, dass es nicht auch jene gibt, die ihren Weg gern miteinander gehen – und das nicht nur für diese eine Fahrt, sondern vielleicht auch noch ein Stückchen weiter.
Alexandra
