Autor: OJ |  Kategorien: Festivals

Viennale

Menschen und Poesie

Es ist vollbracht! Neun Tage im cineastischen Ausnahmezustand und 18 Filme später findet mein persönliches Viennale Erlebnis ein Ende!
18 Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten und trotzdem von mir mit einem gemeinsamen Überbegriff umhüllt werden: Poesie.
Poesie in Form von Menschen, Musik, Sprache und Bildern.
Besonders starke Frauen beehrten die diesjährige Viennale. Neben Jane Birkin, die mit zwei Filmen vertreten war, und Béatrice Dalle, bezauberte der diesjährige Ehrengast Tilda Swinton, die mit einem Tribute bedacht wurde.
Sie sagt selbst, sie ist weniger eine Schauspielerin, sondern vielmehr eine Poetin, die, als sie angefangen hat zu spielen, aufgehört hat zu schreiben. Ruhig und mit Charme und Witz geht sie bei der Pressekonferenz am ersten Festivaltag auf die unzähligen Fragen der Journalisten ein. Einmal mehr wird klar, wie sie es geschafft hat sich an die Spitze des internationalen Kinos zu spielen. Nach nur wenigen Sätzen hat sie mich in den Bann gezogen. Sympathisch spricht sie – wahrscheinlich bereits zum Tausendsten mal – über ihre Beziehung zu Regisseur Derek. Er war der erste aktive Künstler, mit dem sie als Schauspielerin zusammenarbeitete. Neben einer engen Freundschaft, bestand zwischen dem englischen Regisseur und Tilda Swinton eine besondere Verbundenheit, die sie immer wieder in ihren Arbeitsbeziehungen sucht und auch findet. Gemeinsame Filme wie „Caravaggio“, „Edward 2“ oder „The Garden“A prägten das englische sowie internationale Kino der 80iger Jahre. Vom heutigen Standpunkt betrachtet wirken diese Werke artifiziell und theatralisch und werden deshalb fälschlicher Weise unter dem Überbegriff des Arthouse-Kinos zusammengefasst. Doch genau diese Filme waren es, die damals in den Mainstream Kinos liefen und eine breite Masse erreichten.
Über ihren cineastischen Ausflug ins amerikanische Kino, der ihr auch einen Oscar bescherte (dieser steht übrigens nicht auf ihrem schottischen Kaminsims, sondern in Los Angeles bei ihrem Agenten – „er soll ja kein Heimweh bekommen“), hebt sie vor allem die Arbeit mit den Coen Brothers hervor: „Die können wirklich schreiben“. Auf die Frage, in wie weit sie sich selbst in die Filme einbringt, antwortet sie knapp: „Man pfuscht nicht an einem Skript der Coen Brüder herum.“
Ihre Rollen wählt sie nicht, wie viele vermuten, aufgrund von feministischen oder Gender spezifischen Gesichtspunkten aus. Die Identität der Figur und deren Entwicklung sind für ihre Wahl ausschlaggebend. So spielt sie eine Alkoholkranke Kidnapperin genauso glaubwürdig wie ein Wesen aus einer anderen Welt.
Tilda Swinton sieht sich selbst vor allem als Filmfan, somit ist es nicht verwunderlich, dass sie in ihrem Heimatort ein Filmfestival auf die Beine gestellt hat, welches vor allem bei der dort lebenden Bevölkerung großen Zuspruch gefunden hat. Auf Fragen, wie sie sich auf ihre Rollen vorbereitet, kommt eine simple Antwort: „Ich verkleide mich und spiele wie meine Kinder und manchmal machen die das sogar besser als ich!“
Tilda Swinton – ein Model für den Regisseur und die Königen eines intergalaktischen Kinos!
Meine ganz persönliche Viennale begann bereits einen Tag früher als der offiziell Programmstart, und das mit einem großartigen Werk der Coen Brothers „A seroius man“.
11.00 Haydnkino – Nervös saß ich im dunklen Kinosaal, Vorfreude macht sich breit, der erste Film entscheidet alles, zumindest kann er meine Motivation für die nächsten Tage stark beeinflussen.
Ein jüdischer Professor mittleren Alters steht vor den Trümmern seiner Ehe, beruflich treten ebenfalls einige Probleme auf. Eigentlich eine relativ normale Hollywoodgeschichte möchte man meinen, wenn jedoch die Coen Brüder ihre Finger im Spiel haben, kann man davon ausgehen, dass da noch mehr kommt. Ihr Talent für komischen Wortwitz und die Gabe ihre eigene Religion, das Judentum, aufs Korn zu nehmen kommt wieder einmal voll zum tragen.
Durch den Verzicht auf bekannte Hollywoodgesichter hat der Betrachter die Möglichkeit, voll und ganz in die Geschichte einzutauchen und die gekonnt gespielten Charaktere zu genießen. Für mich also ein perfekter Auftakt und für alle restlichen Viennale Besucher ein besonderer Abschlussfilm.
Kurze Verschnaufpause und ab ins Hilton – die offizielle Akkreditierung wartet. Wieder ein etwas mulmiges Gefühl in der „Bauch-Gegend“ – immerhin meine erste Akkreditierung für die Viennale. Fragen tun sich auf: Kann ich mit diesem Wunder-Ausweis wirklich alle Filme sehen? Bekomme ich auch so eine Tasche, die niemand schön findet und doch alle haben wollen? 30 Minuten später hatte ich einige Antworten: Eine schöne rote Tasche, 2 Bücher und meine persönliche Eintrittskarte für über 100 Filme.
Aber jetzt tat sich eine ganz andere Frage auf: Welche Filme soll ich mir ansehen? So viele Filme, so wenig Zeit – das muss gut geplant werden! Schließlich zwei Kaffee und einige Zeit später stand mein Programm fest.
Eine Auswahl an Dokumentationen, die sich mit Musik bzw. Musikern beschäftigen, Lebensgeschichten von Menschen, die sich der Literatur verschrieben haben, und Spielfilme aus unterschiedlichsten Ländern und Jahren.
Wenn man mehrere Tage nichts anderes tut als zwischen den fünf Festivalkinos hin und er zu pendeln, um Filme anzusehen, gerät man automatisch in eine andere Dimension. Es wird plötzlich nebensächlich, welchem Genre der gezeigte Film angehört. Alles was interessant wirkt, muss gesehen werden. Man gerät in einen filmischen Konsumrausch. Mitgerissen vom Flair des Festival nahm ich – offen für Neues – die Möglichkeiten war, filmische Kostbarkeiten zu sehen, die mir im Normalfall verborgen geblieben wären.
Ich habe fünf Tage durchgehalten und täglich 3-5 Filme gesehen. Danach benötigte ich dringend eine kleine Pause, sowohl körperlich als auch geistig ging nichts mehr. Ich wusste ja nicht, dass ins Kino zu gehen so anstrengend sein kann.
Anbei nun eine kleine Auswahl meiner Viennale Erlebnisse.
Etwas müde von dem zuvor gesehenen Film, saß ich im weichen roten Kinosessel und überlegte mir, ob es nicht besser gewesen wäre heimzufahren und ins Bett zu gehen. Ich tat es nicht, ich blieb und sah einen einmaligen Film, der die Auseinadersetzung mit der Gitarre und deren Meistern, Jimmy Page (Led Zeppelin), The Edge (U2) und Jack White (White Stripes) zum Thema hatte. In Davis Guggenheims „It might get loud“ treffen die drei Gittaristen in einem Gespräch aufeinander und sprechen über ihren persönlichen Bezug zum Gitarrespielen und ihren Instrumenten. In eindrucksvollen Bildern, die die Persönlichkeit der einzelnen Personen erahnen lassen, wird ein kleiner Einblick in die Arbeitsweise der drei Künstler gewährt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bei den gezeigten Solos standen mir die Nackenhaare zu Berge und ich wusste, ich muss unbedingt Gitarre spielen lernen.  INFO: Kommt auch in die österreichischen Kinos!

Gemeinsam mit einer Freundin, die keine Karte mehr bekommen hatte, wartete ich vor dem Restticket Schalter. Sie hatte die Nummer 46. Abgesehen davon, dass „Moon“ von Duncan Jones um 21.00 Uhr lief und deshalb so begehrt war, schien auch die Thematik die Leute ins Kino zu locken. Letztendlich saß ich ohne meine Freundin (es gab nur mehr 38 Resttickets) in der ersten Reihe des Metrokinos. Der Vorhang öffnet sich und ich sah zum 5ten mal den diesjährigen Viennale Trailer von James Benning. Ich war gespannt – gespannt ob mich Sam Rockwell in der Rolle des Astronauten überzeugen kann. Sam befindet sich völlig alleine auf einer Mondstation, deren Aufgabe es ist, Gas für die weltliche Stromversorgung abzubauen. Er hat sich für drei Jahre verpflichtet. Völlig isoliert, nur mit einem Computer als Gesprächspartner, verwaltet er die Station. Doch zwei Wochen bevor er nach Hause kann, passieren plötzlich merkwürdige Dinge. Geprägt von 2001 Space Odyssee, Solaris, Alien und etlichen anderen Science Fiction Filmen, vermutete ich hinter jeder Tür ein Monster oder einen eifersüchtigen Computer – aber es kommt alles anders. Und Sam Rockwell hat seine Sache sehr gut gemacht. Ein absolutes Muss für Science Fiction Fans!

Montag Nachmittag, ein schöner sonniger Feiertag. Ich lass mich, da ich schon spät dran bin, ins Kino fahren. Irgendwie eigenartig bei strahlendem Sonnenschein im dunklen Kino zu verschwinden. Der Andrang ist groß. Vor den Flügeltüren stehen die Leute Schlange, um einen guten Sitzplatz zu ergattern. Als sich die Flügeltüren endlich öffnen, passiert das, was ich während meines Viennale Besuches des öfteren erleben durfte: Wie besessen stürmen die Leute los und rennen Richtung Kinosaal, ja sie rennen! Ich lasse mich von der Masse mitschieben und bin – wie auch schon die Male zuvor – amüsiert über den Stress, den einzelne Personen haben. Als ich das Kino betrete, ist es noch ziemlich leer. Vor allem die, meiner Meinung nach, besten Plätze in den ersten 5 Reihen scheinen bei den anderen Kinobesuchern nicht so gut anzukommen – mein Glück! Nach den üblichen Hinweisen bezüglich der Rahmenveranstaltungen der Viennale wird es Dunkel und der Film beginnt. „Les Beaux Gosses“ von Riad Sattouf ist eine französische Teenagerkomödie, die trotz Situationskomik und Witz sich ernsthaft mit den Problemen ihrer jugendlichen Helden befasst. Der 14-Jährige Teenager Hervé steht im Mittelpunkt dieser Erzählung. Er lebt mit seiner etwas ausgeflippten Mutter in einer Wohnsiedlung. Alles dreht sich im Moment um Mädchen. Doch der gewünschte Erfolg scheint sich nur schleppend einzustellen. Erste Küsse, erste Liebe, gebrochene Herzen – alles vorhanden und auf eine Art und Weise erzählt, die vielleicht bei dem ein oder anderen Kinobesucher die eigene Jugend wieder in Erinnerung ruft.
In Nebenrollen glänzen einige große europäische Schauspielerinnen wie etwa: Noémie Lvovsky als Hervés Mutter. Zudem gibt es Gastauftritte von Emmanuelle Devos, Irène sowie von Marjane.
Abschließend bleibt da nur zu sagen: Ein perfekter Feiertagsfilm.

Sabine

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