Bollywood Special
Alexandra Cech gehört zu unseren externen Bloggern und nimmt sich immer mit besonderer Sorgfalt und Ausführlichkeit verschiedenen Filmthemen an. Heute werdet ihr in den Genuß kommen, euch richtig in die Bollywoodwelt und Dramaturgie einzuleben. Viel Spaß dabei!
Teil 1 – Beobachtungen: Erste Schritte Richtung Bollywood
Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal einen Bollywood-Film im Fernsehen sah, wusste ich noch nicht, dass es sich dabei um einen solchen handelte. Die Bezeichnung „Bollywood“ war mir unbekannt. Ich zappte durchs Abendprogramm und sah plötzlich einen Film, der anders war als das, was ich bisher gesehen hatte. Dieses Anderssein erweckte mein Interesse. Die bunten Farben, die Gesangs- und Tanzeinlagen, die sehr emotional gespielten Szenen und vor allem diese Schauspieler, die ich noch nie gesehen hatte, waren es wert, das Zappen zu beenden. Es war ein Film einer anderen Kultur – ein indischer Film – und ich war beeindruckt von der filmtechnischen Qualität, mit der hier offenbar gearbeitet worden war. Es musste viel Geld zur Verfügung gewesen sein, um so eine Qualität erzielen zu können, dachte ich mir und es erinnerte mich an einen Blockbuster aus Hollywood. Kann es sein, dass in einem anderen Land eine solche Filmindustrie entstanden ist, ohne dass ich es bisher mitbekommen habe? Ich muss leider zugeben, dass ich nicht geschafft habe, mir diesen Film bis zum Schluss anzusehen. Die Dauer von drei Stunden plus die zahlreichen Werbeunterbrechungen auf diesem Privatsender waren einfach zu viel des Guten. Und da ich mitten in der Geschichte eingestiegen war, hielt sich auch meine Spannung in Grenzen.
Kurz nachdem dieser Film ausgestrahlt worden war, wurde auch schon ein weiterer dieser Art auf diesem Privatsender angekündigt. Und bei der Vorschau fiel auch das Wort „Bollywood“. Bollywood – das klingt ja schon wie Hollywood, dachte ich, die indische Version eines Hollywood-Kinos, das östliche Pendant zur westlichen Filmkultur also. Das allein sollte es doch eigentlich schon wert sein, sich einmal so einen Bollywood-Film von Anfang bis Ende anzusehen. Leider blieb es nur allzu oft bei dem Versuch, der früher oder später immer scheiterte. Es war einfach zu langatmig. Ich mochte die Tanz- und Gesangsszenen, aber die Story wollte mich nicht so recht in ihren Bann ziehen. Ich hatte jedes Mal das Gefühl, dass es um das selbe Thema ging: Mann verliebt sich in Frau, Mann will Frau für sich gewinnen oder hat es schon und die Eltern sind gegen diese Verbindung. Es ging um die Liebe, ums Heiraten und um die Beziehung zu den Eltern. Und auch, wenn man diese Thematik mag – und ich mag sie – will man eigentlich auch mal was anderes sehen. Dazu kam noch, dass es fast in jedem Film, den ich sah, der selbe Schauspieler die Hauptrolle mimte. Dieser Shah Rukh Khan musst ja echt der Star in Indien sein. Das ließ den Schluss zu, dass sich in Indien wohl auch ein Starsystem à la Hollywood etabliert hatte.
Nach all diesen Überlegungen scheiterte ich schlussendlich aber doch an meinem Durchhaltevermögen. Meine Neugier war gestillt worden: Ich wusste nun, dass es in Indien eine Filmindustrie gab, die Hollywood ähnelte, dass es ein Starsystem gab, dass man schon aus Hollywood kannte und dass die wichtigen Elemente eines Bollywood-Films anscheindend Tanz- und Gesangsszenen sind und die Story hauptsächlich auf der Liebes- und Beziehungsthemtik basiert. Und fürs erste war das auch genug.
Teil 2 – Berührungen: Bollywood näher betrachtet
Als ich begann für diesen Blog zu schreiben, entdeckte ich schon bald, dass bei flimmit.com auch einige Bollywood-Produktionen zur Verfügung stehen. Es ist nun an der Zeit, es auf weiteren Versuch ankommen zu lassen, dachte ich, und mein Durchhaltevermögen erneut auf die Probe zu stellen. Vielleicht gelingt es mir mit Hilfe von diesem Portal, tiefer in diese Filmkultur einzutauchen und Neues zu entdecken. Gedacht, getan. Und nun, sieben Filme später, habe ich endlich die Bestätigung, dass Bollywood-Filme doch etwas vielseitiger sein können, als man zu Anfang – und so war ja auch mein erster Eindruck – glauben könnte.
Das Hauptthema mag nach wie vor die Liebe sein, aber es gibt zahlreiche Möglichkeiten der Umsetzung und Erzählung. Da gibt es die krankhafte Liebe derjenigen Männer, die nicht davor zurückschrecken würden die geliebte Frau zu töten, wenn ihre Liebe nicht erwidert wird oder die Frau sie verlässt. Diese Thematik begegnet uns in ROG – Wenn Liebe krankhaft wird und Aetbaar – Liebe kann tödlich sein. Jetzt bockt die Braut – Namastey London und Fida beschäftigen sich mit der Liebe auf den ersten Blick, während sich die Liebe in Nur für Dich und Zuckersüß und Echt Scharf – Cheeni Kum erst zwischen zwei Menschen entwickeln muss, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Metro – Die Liebe kommt nie zu spät wiederum vereinigt die unterschiedlichen Formen der Liebe in sich. Die Beziehungsthematik dominiert diesen Film in jeder Hinsicht, während sie in den anderen Filmen nur einen Teil der Handlung ausmacht.
Trotz der Gemeinsamkeit aller Filme, die Liebe in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, entstehen ganz unterschiedliche Geschichten im Kontext verschiedener Genres. Fida birgt einige Elemente des Actionfilms in sich, indem Kampfszenen und Verfolgungsjagden eingebaut werden. Ein Polizist, der beauftragt wird, einen Mord aufzuklären, begegnet uns in ROG – Wenn Liebe krankhaft wird, was auf einen Krimi schließen lässt. Der Thriller wiederum findet seine Verwendung in Aetbaar – Liebe kann tödlich sein, der davon handelt, dass ein Vater versucht seine Tochter vor deren gewalttätigen Freund zu schützen. Jetzt bockt die Braut – Namastey London und Zuckersüß und Echt Scharf – Cheeni Kum können als romantische Komödie gesehen werden, während die Liebesfilme Nur für Dich und Metro – Die Liebe kommt nie zu spät leichte Züge eines Dramas aufweisen.
Auch was die Musik bzw. den Gesang und Tanz – der als wichtiges Element in Bollywood-Filmen gilt – angeht, gibt es ganz unterschiedliche Arten der Verwendung bzw. der Umsetzung. Während die männliche Hauptfigur in Nur für Dich mitten auf der Straße singt oder Aetbaar – Liebe kann tödlich sein durch einige Gesangseinlagen der Hauptdarsteller unterbrochen wird, wird bei ROG – Wenn Liebe krankhaft wird in nachdenklichen Szenen der männlichen Hauptfigur der Gesang als Hintergundmusik eingesetzt. Die Hauptfigur singt also nicht direkt, sondern es wirkt eher so als würden die Lieder der männlichen Gesangsstimme seine Gedanken ausdrücken. Auch bei Zuckersüß und Echt Scharf – Cheeni Kum und Fida wird der Gesang nur als Hintergrundmusik eingesetzt – wie wir es aus den klassischen westlichen Filmen kennen. Ganz anders ist es wiederum bei Metro – Die Liebe kommt nie zu spät, wo weder jemand singt noch tanzt, sondern die musikalischen Einlagen durch eine Straßen-Band erfolgen, deren Lieder an unterschiedlichen Plätzen – meistens im Regen – als Zwischeneinlagen fungieren, um die Gefühle der Darsteller zu beschreiben. Eine klassische Variante, die ich schon bei meinen ersten Ausschnitten einiger Bollywood-Filme gesehen hatte, begegnet uns in Jetzt bockt die Braut – Namastey London. Eine Tanz- und Gesangsszene auf einem Feld in Indien dient hier als Zwischeneinlage und um die Geschichte voranzutreiben. Ähnlich ist auch die Tanzszene in Nur für Dich, die allerdings in London spielt und somit auf indische Kleidung verzichtet. Die modernere oder vielleicht auch „westlichere“ Variante der Tanzszene in einer Discothek – „westlich“ insofern, dass man den Eindruck hat, die indischen Jugendlichen kommen in Discotheken mit der westlichen Kultur in Berührung, die teilweise im Gegensatz zu der östlichen bzw. indischen Kultur steht – kommt ebenfalls in Jetzt bockt die Braut – Namastey London zum Einsatz, aber auch in Fida und Aetbaar – Liebe kann tödlich sein, wobei bei den beiden letzteren der Fokus weniger auf Tanz oder Gesang liegt, sondern eher darauf, die Jugendkultur darzustellen, die sich von den indischen Traditionen ihrer Eltern unterscheidet.
Der Generationskonflikt bzw. der Unterschied zwischen der indischen und der westlichen Kultur – wobei hier London stellvertretend die gesamte westliche Kultur repräsentiert, was vor allem daran liegt, dass die meisten Inder, wenn sie auswandern, nach London gehen, was auf den historischen Kontext Indiens zurückzuführen ist, das von 1858 bis 1947 unter direkter britischer Kolonialherrschaft stand – fungiert als zusätzlicher Handlungsstrang in Filmen wie Jetzt bockt die Braut – Namastey London oder Aetbaar – Liebe kann tödlich sein.
Alle Filme, die hier angeführt werden, sind nach dem Jahr 2000 entstanden und man hat den Eindruck, dass sich Bollywood-Filme immer mehr der westlichen Filmkultur annähern. Die wesentlichen Elemente sind nach wie vor vorhanden, aber die Umsetzung hat sich verändert. Die klassisch-indischen Gesangs- und Tanzszenen sind in den Hintergrund getreten, das überemotionale Spiel der Darsteller ist weniger geworden und auch die Dauer der Filme hat sich verkürzt. Das mag vor allem daran liegen, dass sich Bollywood-Produktionen mittlerweile einiger Bekanntheit und auch Beliebtheit erfreuen dürfen. Gerade in London, wo viele Inder leben, scheint man das Potenzial dieser neuen, anderen Filmwelt erkannt zu haben. Vier der angeführten Filme spielen in London, während zwei davon einen Zwischenstopp in Indien beinhalten, ist Indien in drei Filmen Schauplatz der Handlung. Um ein möglichst breites Publikum ansprechen zu können, ist es wichtig, nicht nur die Ansprüche der indischen Zuseher zu erfüllen, sondern auch „Rücksicht“ auf die neu gewonnen Bollywood-Fans anderer Länder zu nehmen, deren Kinogewohnheiten sich unterscheiden. Das gilt sicher nicht für alle Produktionen, aber mit der Entdeckung eines neuen Marktes, erhält das Bollywood-Kino die Möglichkeit wandelbarer zu werden und zugleich seine Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen.
Teil 3 – Blickpunkte: Best of Bollywood
Abschließen möchte ich mit einem Ranking derjenigen Filme, die mich persönlich begeistert, in den Bann gezogen und mich berührt haben.
Den dritten Platz besetzen zwei Filme, die sich vor allem durch eine spannende Handlung auszeichnen und denen es gelingt, Überraschungsmomente einzubauen. Fida besticht durch eine komplexe Story, in der eine Frau (Neha) die Liebe eines unschuldigen Mannes (Jai) benutzt, um ihren Freund (Vikram) vor dem Gefängnis zu bewahren. Vikram ist es mittels Internet-Hacking gelungen, das Konto eines reichen Unternehmers zu plündern. Solange die Polizei keinen Verdächtigen festgenommen hat, könnte er entdeckt werden. Da kommt Jai gerade zur rechten Zeit ins Spiel. Als er Neha plötzlich seine Liebe gesteht, erkennt sie ihre Chance und entwickelt gemeinsam mit Vikram einen Plan, um fliehen zu können. Die Liebesbeziehung zwischen Neha und Vikram und die Intrige gegen Rai werden allerdings erst in der zweiten Hälfte des Films aufgedeckt, was zu einer Wende in der filmischen Handlung führt und den Zuschauer einen Überraschungsmoment erleben lässt. Auch ROG – Wenn Liebe krankhaft wird gelingt es, seine Handlung spannend zu gestalten. Ein Polizist wird beauftragt den Mord an einem Model aufzuklären. Doch das Model, das man für die Tote hielt, lebt noch. Hat der Täter die Falsche erwischt oder wird die Polizei absichtlich auf eine falsche Fährte gelockt? Es gibt einige Verdächtigte und Theorien und bis zum Schluss weiß man nicht so recht, wer der Mörder sein könnte und erlebt gegen Ende noch eine Überraschung.
Auf Platz zwei reihe ich einen Film, der meiner Meinung nach einer klassischen Bollywood-Produktion am nächsten kommt, wenn nicht sogar das Parade-Beispiel dafür ist, denn Jetzt bockt die Braut – Namastey London vereint alles, was ich mir von einem klassischen Bollywood-Film erwarte. In London aufgewachsen, führt Jasmeet ihr Leben nicht unbedingt so, wie es sich ihre indischen Eltern bzw. ihr Vater vorstellen. Weshalb dieser beschließt mit seiner Frau und Tochter nach Indien zu reisen, um Jasmeet die indische Kultur näher zu bringen. Doch nicht nur das. Sogleich findet er auch den perfekten Ehemann für Jasmeet. Das passt der Tochter natürlich gar nicht, vor allem, weil sie einen englische Freund hat, der ihr kurz vor ihrer Abreise einen Heiratsantrag gemacht hat. Der Generationskonflikt, die kulturellen Unterschiede zwischen Indien und England gepaart mit einer Geschichte über Liebe und Heirat sind die zentralen Themen in diesem Film. Dazu kommen noch Gesangs- und Tanzszenen, die in Indien und London spielen und sowohl als Zwischeneinlage dienen als auch die Geschichte vorantreiben. All das sind klassische Elemente des Bollywood-Kinos, die mir seit dem ersten Bollywood-Film, den ich gesehen habe, immer wieder begegnet sind.
Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss und deswegen vergebe ich den ersten Platz an Zuckersüß und Echt Scharf – Cheeni Kum. Dieser Film ist in jeder Hinsicht liebenswert. Nicht nur wegen der Geschichte über einen älteren Mann und eine jüngere Frau, die sich in einander verlieben, und die mich persönlich schon allein deswegen begeistert. Zuckersüß und Echt Scharf – Cheeni Kum ist noch dazu wirklich komisch und rührend zugleich und glänzt vor allem durch den Hauptdarsteller Amitabh Bachchan. Aus einigen Bollywood-Produktionen (unter anderem spielt er auch die Rolle des Vaters in Aetbaar – Liebe kann tödlich sein) bekannt, hat er mich vor allem in diesem Film in seinen Bann gezogen, weshalb ich ihn wegen seinem schauspielerischen Talent, das er in der Vielseitigkeit seiner Rollen unter Beweis zu stellen vermag, zu meinem „Favorite Indian Actor“ gekrönt habe.
Alexandra Cech
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